RSS

Der Weltenschieber zu Gast bei “Der Nerd im Visier”

15 Apr

Nach und nach trudeln weitere Interviews ein und ich bin teilweise wirklich sehr verblüfft, was dort zu Tage kommt. Auch heute wieder ein ausführlicheres und vor allem interessantes Interview des Weltenschiebers, der sogar schon einen Beziehungsstreit in einer Pen & Paper Runde ertragen musste, der nachher in einem englischen Faustkampf endete. Und nicht nur das, er hat sogar schon mal in Norwegen gezockt. Spass beiseite, checkt einfach selbst das Interview!

1. Seit wann spielst du Rollenspiel?
Seit Ostern 1984! Mein Cousin brachte DSA mit, als seine Eltern und er zum österlichen Besuch zu uns kamen.

2. Bist du mehr Spielleiter, oder mehr Spieler?
Mittlerweile hat sich das gut eingependelt; Bis Mitte der 1990er war ich überwiegend Spielleiter, aber durch mein Studium lernte ich eine weitaus größere Zahl an Rollenspielern kennen und so konnte ich an den verschiedensten RPGs auch als Spieler teilnehmen.

3. Welches war dein erstes eigenes Regelwerk?
„Das Schwarze Auge“. Ich bekam durchgespielte Abenteuer geschenkt und das sogenannten DSA1.

4. Welche Rollenspiele gehören in deine Top 3 Liste?
CTHULHU, DAS SCHWARZE AUGE, D&D.

5. Was war deine erste große Erfahrung?
„Verschollen in Al’Anfa“.

6. Dein lustigstes Rollenspielerlebnis?
Sehr schwer zu sagen, beinahe in jeder Runde halten wir uns mehrfach die Bäuche vor Lachen.

7. Dein schrecklichstes Rollenspielerlebnis?
Ein Beziehungsstreit zweier Spieler (Mann & Frau) in einer AD&D-Runde, der auf die Mitspieler übergriff, zu einem handgreiflichen Streit, der Auflösung der Spielrunde, zweier Freundschaften und einer Beziehung führte. Und das alles an einem denkwürdigen Herbstabend.

8. Was ist dein absolutes Rollenspiel No-Go?
Flexo. Zeichnung und Name einer Rollenspielfigur für die DSA-Borbarad-Kampagne.

9. Wie stehst du zum Alkoholverbot oder Handyverbot in Spielrunden?
Da müsstest Du gleich noch nach dem Drogenverbot fragen… Ich saß bereits oft genug in Spielrunden, in denen ordentlich gekifft wurde. Aber nach Verboten zu fragen bzw. Verbote zu fordern ist immer auch eine Frage nach der Ernsthaftigkeit, und die geht mit dem Begriff „Spiel“ oft nicht zusammen. Es ist eine schwierige Gratwanderung und muss meiner Meinung nach von jeder Spielergruppe selbst bestimmt werden. Als Spielleiter verbiete ich keinen Alkohol, biete aber selten welchen an, weil ich selbst sehr wenig konsumiere. Da ich Nichtraucher bin und in unserer Wohnung generell nicht geraucht wird, fällt auch das Kiffen weg. Die Minorität an Rauchern in meinen Spielrunden verkneift es sich oft oder – unter besonderem Stress – macht zur Not eine Raucherpause auf dem Balkon.

Ein Verbot von Mobiltelephonen gibt es bei mir nicht. Wer nicht selbst einschätzen kann, wie wichtig oder unwichtig es ist, während einer Spielrunde erreichbar zu sein, dem nützt auch ein Verbot nichts. Und solche Leute zähle ich auch nicht zu meinen Mitspielern. Ich hatte einige Jahre lang einen nierenkranken Spieler in meiner DSA-Runde, der musste immer mobil erreichbar sein, weil es jederzeit vorkommen konnte, dass für ihn eine Spenderniere gefunden wird. Spätestens hier wäre es absurd gewesen, ein solches Verbot auszusprechen. Also: nein, von solchen Verboten halte ich nichts.

10. Deine beste Location, die du zum Rollenspiel bisher genutzt hast?
Burg Lahneck in Lahnstein, Hägglund BV 206 D in Nordnorwegen, Theaterkulisse im Theater.

11. Was gehört für dich unbedingt in eine gute Runde?
Motivierte und engagierte Mitspieler, Musik, kein privater Zeit- oder Termindruck, leckerer Proviant.

12. Wie viel Wert legst du auf Musik im Rollenspiel?
Wie meine Mitspieler sicherlich bestätigen können, lege ich sehr großen Wert auf die Musik! Ich verfüge nicht nur über ein enormes Soundtrack-Archiv, sondern habe auch Zugriff auf verschiedene Geräuschdatenbanken, wie sie im Theater und im TV- & Filmbereich genutzt werden.

Ich meinem letzten Abenteuer „UCHRONIA: Noël Blanc“, das während des 1. Weltkrieges (1916) an der Somme spielte, nutzte ich drei Tonquellen gleichzeitig (Musik, Atmo & Hintergrundgeräusche), aber das war bisher meine extremste Form der Verwendung von Tönen im Rollenspiel und war dem Setting geschuldet, da ich unbedingt auch auf der Tonebene eine ungewöhnliche, kakophonische Stimmung erzeugen wollte. Hoffentlich ist es mir gelungen!

13. Wie würdest du deine rollenspielerische Leistung selbstkritisch beschreiben?
Als Spieler bin ich meist sehr engagiert, vor allem, wenn es darum geht, Rätsel zu lösen, Geheimnisse zu lüften oder Intrigen aufzudecken. Das kann aber leider auch dazu führen, dass z.B. aus meinem Trollslayer ein Tagebuch führender Verschwörungstheoretiker wird – meine Spielerfigur also ‛aus der Rolle fällt’. Ansonsten bin ich oft genug so motiviert, dass ich – besonders zu One-Shots und zur Überraschung meiner Mitspieler – auch mal Verkleidungen oder ausgefallene Requisiten trage.

Als Spielleiter bin ich absolut detailbesessen. Beispiel: Wenn ich ein Vietnam-Abenteuer (wie „UCHRONIA: White Christmas“) leite, und die Spieler US-amerikanische Soldaten sind, dann bekommen die Spieler nicht nur originale Dog Tags von mir, nein, die Erkennungsmarken tragen ihre Figurennamen und echte Nummerierungen. Das heißt, ein Soldat, der bereits im Koreakrieg diente, bekommt einen Dog Tag samt spezieller Markierungen aus dieser Zeit; ein Soldat, der sich in den 1960ern freiwillig meldete, hat eine andere, als sein Kamerad, der Anfang der 1970er nach Vietnam kam. Die Service Number, Social Security Number usw. passen zum Eintrittsdatum in die Armee und zum Wohnort in den USA.

Meine Zeitmanagement als Spielleiter ist oft problematisch: ich entwickle abgedrehte Geschichten für einen Abend, der dann aber endlos lang werden kann. Da ist also nach all den Jahren Spielleitererfahrung noch immer Optimierungsbedarf.

Manchen Spielern erscheinen meine Abenteuer zu ‛filmisch’. Das liegt unter anderem an meiner Beschreibungstechnik, mit der ich mich bemühe, natürlichen Wahrnehmungsmustern zu folgen und nicht Gegenstandslisten abzuhaken. Außerdem hängt dieser Eindruck damit zusammen, dass ich oft ‛Drehbücher’ im Kopf habe bzw. schreibe. Diese unterscheiden sich jedoch vom klassischen Filmdrehbuch dadurch, dass sie extrem modular sind. Selbst bei streng zeitorientierten Abenteuern habe ich unterschiedliche Szenarien entwickelt. Ich bin eben detailverliebt; was aber bei den Mitspielern dazu führt, dass sie den Eindruck gewinnen, es handle sich um ein hard rail-Abenteuer bzw. um railroading. Das ist es jedoch in den seltensten Fällen

14. Sollte streng nach Regeln gespielt werden oder ist Regelmodding in Ordnung?
Tja, was die Regeln angeht, da bin ich ein schlechter Spielleiter… Mich interessieren Regeln bei Rollenspielen nur am Rande, denn seit ich in den 1980er mit dem Rollenspiel begann, ging es mir bis heute vorwiegend darum, mit meinen Mitspielern gemeinsam Geschichten zu erspielen. Darum habe ich absolut nichts gegen die Modifikation von Regeln, im Gegenteil. Ich befürworte das Anpassen von Regeln an die jeweiligen Spielergruppen, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass trotz der immer wieder publizierten Sterotypen und Klischees bestimmter Rollenspieler jede Gruppe von Spielern anders ‛tickt’.

Allerdings muss ich auch betonen, dass es mich sehr reizt, stark reduzierte und einschränkende Regularien im Spiel umzusetzen! Es ist für mich eine Herausforderung, regelnde Grenzen eines Systems, sei es ein Spiel, sei es eine wissenschaftliche Arbeit, sei es eine technische Einrichtung oder sei es Computersoftware, auszuloten und damit zu spielen bzw. umzugehen. Sicher, das kann in Arbeit ausarten, kann aber auch ein durchaus sportlicher Wettbewerb sein.

15. Spielst du gerne denselben Charaktertyp oder variierst du auch?
Sagen wir es so: ich bemühe mich immer, den Charaktertyp zu wechseln. Manchmal gelingt es mir, manchmal aber gelingt es nicht. Wenn meine Charaktertypen mal wieder zu ‛kopflastig’ werden, obwohl sie eigentlich der Haudrauf der Truppe sind, reicht oft eine Kopfnuss meines Sitznachbarn und meine Rolle passt wieder.

16. Bist du in der Rollenspieler-Szene aktiv und wenn ja, was machst du?
Zur Zeit beschränkt sich meine Aktivität auf das Führen meines Weltenschieber-Blogs, das Posten in anderen Rollenspielerblogs und der Besuch und das Kommentieren in ein paar wenigen Foren.

17. Schon mal ein eigenes Rollenspiel geschrieben? Wenn ja, kurze Vorstellung!
Seit meinem Einstieg in die Welt des Rollenspiels sicherlich gut ein halbes Dutzend! Wirklich ernsthaft daran gearbeitet habe ich jedoch nur an zwei Systemen.

Das eine entwickelte ich 1988/89. Es hat keinen Namen, da es sich im Grunde nur um rudimentäre Regeln handelt. Ich nannte es seinerzeit immer nur „Freies Rollenspiel“. Aktuelle Stichworte dazu wären u.a. flag framing, conflict web, pick-up game. In den letzten Monaten, nachdem ich meinen Dissertationsstress hinter mir hatte, habe ich mich im Internet mal auf die Suche nach Vergleichbarem gemacht und stieß dabei auf oben genannte Begriffe. So konnte ich meine damaligen Versuche endlich auch mal zuordnen und in einen spieltheoretischen Kontext setzen. Das bewog mich nun, die alten Unterlagen wieder heraus zu kramen und zu überarbeiten. Näheres dazu irgendwann in meinem Blog.

Das zweite System ist eher eine Spielwelt als ein Regelsystem. Letzteres basiert auf dem BRP von Chaosium und wurde von mir einfach an meine Spielwelt angepasst, ist also nichts Bedeutendes. Die Spielwelt ist eine kontrafaktische Realität, eine Uchronie, in der sich der Cthulhu-Mythos mit dem Irrealis verbindet: UCHRONIA. Bisher haben wir zwei zusammenhängende Abenteuer einer Trilogie in dieser Welt gespielt: das erste in Sàigòn 1974 und das zweite an der Somme 1916. Das letzte wird 1936 in der Antarktis spielen.

18. Wie siehst du die Zukunft in Deutschland, was Pen & Paper RPG betrifft?
Sie wird sich nicht sonderlich von der Gegenwart unterscheiden. Jedoch wird der Einzug der Elektronik in den Pen-&-Paper-Bereich weiter zunehmen. Mit Netbooks, iPads und ähnlichen Geräten werden über kurz oder lang einige Rollenspielverlage und natürlich Privatleute Möglichkeiten anbieten, die über die reine Charakterverwaltung hinaus gehen. Formal wird sich ebenfalls einiges – ob zum Guten oder zum Schlechten, sei dahingestellt – ändern: der Einfluss von z.B. MMORPGs oder aus dem Tabletop-Bereich wird zunehmen und das Rollenspiel wandeln. Hybride wie D&D4E oder WARHAMMER FANTASY sind zwei aktuellere Beispiele dafür. Mit der immer weiter fortschreitenden Datenvernetzung, neuen elektronischen Plattformen und Softwareapplikationen und höheren Übertragungsraten werden den klassischen Pen-&-Paper-Spielern durchaus interessante Möglichkeiten geboten, die sich schon jetzt abzeichnen und nutzen lassen: Skype, Livecast, SHOUTcast, DUNDJINNI u.v.a.m. Was die Pen-&-Paper-Spieler davon akzeptieren oder wie eine neue Generation von Pen-&-Paper-Spielern aussehen wird, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, aber ich bin sicher, die Diversifizierung wird weiter zunehmen.

Falls diese Frage auf den deutschsprachigen Markt und seine Zukunft abzielt, so sieht meine Prognose ähnlich aus. Die stärksten Vertreter der Zunft werden weiterhin vorne liegen und (hoffentlich) sehr gute Qualität abliefern. An ein ganz neues Produkt mit phänomenalem internationalem Marktpotential kann ich auch für die Zukunft nicht glauben, auch wenn ich es mir wünschen würde. Es bleibt also alles beim alten.

19. Wie beschreibst du Rollenspiel mit einfachen, wenigen Worten?
Stift, Papier, W100, W20, W6, 2-3 Spieler und viel Phantasie. Leicht zu lernen, schwer zu meistern.

20. Gibt es abschließend noch etwas zu sagen?
Game on!

Advertisements
 
2 Kommentare

Verfasst von - 15. April 2010 in Allgemein

 

2 Antworten zu “Der Weltenschieber zu Gast bei “Der Nerd im Visier”

  1. TheClone

    17. April 2010 at 13:21

    Ich frage mich, in was die Dissertation war? Bestimmt was geisteswissenschaftliches O:-)

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: